Konzept


Einleitung

Als ehemalige SchülerInnen und heutige LehrerInnen kennen wir den Schulalltag von beiden Seiten. Dieser Alltag ist hauptsächlich von geistigen Disziplinen geprägt, vor allem Kopf und Verstand werden gefordert und gefördert. Körperliche Bewegung im Unterricht ist unerwünscht und wird eher als Störfaktor wahrgenommen. LehrerInnen und SchülerInnen befinden sich häufig in einer Einbahnstrasse der Informationsweitergabe. Der eine gibt, die anderen nehmen, im 45-Minuten-Takt. Im Moment des Klingelns schaltet ein typischer Schüler ab. Auch wenn das Thema interessant ist, hat man nicht die Möglichkeit, sich darüber weiter Gedanken zu machen. Die nächste Schulstunde ist angesagt.

Diese abgebrochenen Situationen ermüden und erfordern viel geistige Energie, Konzentrationsvermögen und Anpassungsfähigkeit.

Für den körperlichen Ausgleich sorgt der Sportunterricht. Sein Schwerpunkt liegt im Angebot von verschiedenen Sportarten, die die SchülerInnen kennenlernen und in denen sie ihren Interessen und ihrer körperlichen Verfassung gemäß entsprechende Leistungen vollbringen.

Im Sportunterricht Leistung zu erbringen, erfordert Disziplin, Informationen aufzunehmen erfordert auch Disziplin. Der eine Prozess ist fixiert auf den Körper, der andere auf den Geist.

Im Schulalltag werden also Geist und Körper in der Regel getrennt voneinander gefordert. Psyche und Soma des Menschen stehen aber in einer Verbindung, d.h. es gibt einen Einfluß des Körpers auf den Geist und des Geists auf den Körper.

Die Aufgabe von KINEO -Bewegungserziehung sehen wir in der Entwicklung und Pflege der Verbindung von Körper und Geist durch Bewegung. Das seelische Gleichgewicht der SchülerInnen wie auch der LehrerInnen wird dadurch gefördert.

Außerdem ermöglicht KINEO-Bewegungserziehung ein gemeinsames Erlebnis der SchülerInnen als auch der LehrerInnen und SchülerInnen miteinander, wo auch der Lehrer nicht alles unter Kontrolle hat, plant und lenkt und im Voraus die Ergebnisse kennt. Somit kann durch die gemeinsame Erfahrung in Bewegung eine Brücke zwischen LehrerInnenn und SchülerInnen geschaffen werden.

Auf der 'Rennstrecke' Schulalltag brauchen wir 'Verschnaufpausen' zum Erholen, zum körperlichen und geistigen Regenerieren sowohl für die SchülerInnen als auch die LehrerInnen.

Aber nicht nur zur besseren Bewältigung des Schulalltags kann die Bewegungserziehung beitragen, sondern sie kann auch Anstöße geben, den Umgang zwischen LehrerInnen und SchülerInnen neu zu überdenken und auch in den sogenannten Lernfächern andere Formen des Miteinander-Arbeitens auszuprobieren.

Dieses Bewegungsverfahren kann von jeder Lehrerin und jedem Lehrer unabhängig von dessen Fachrichtung ausgeübt und bei SchülerInnen unterschiedlicher Altersstufen eingesetzt werden. Nachem der/die LehrerIn die Grundlagen des Verfahrens erworben hat, kann er/sie damit selbständig weiterarbeiten und es flexibel entsprechend der Altersgruppe, den Bedürfnissen der SchülerInnen und dem Unterrichtszusammenhang einsetzen. Es bedarf keiner aufwendigen Vorbereitungen oder bestimmter Geräte und der Einsatz orientiert sich entsprechend den Gegebenheiten der jeweiligen Schule.

‘Bewegungserziehung’ in der Literatur

'Bewegungserziehung' ist in der Literatur ein Begriff, der in erster Linie im Vorschul-, Grundschul- und im heil- und sonderpädagogischen Bereich Anwendung findet.

Die erzieherische Bedeutung sieht Bannmüller1 in ihrem Beitrag zur Fundierung des schulischen Lernens. Die Funktionen werden dabei wie folgt gesehen:

1. Bewegungserziehung erschließt die lebenspraktische Bedeutung der Bewegung, indem sie den Kindern hilft, ihre Lebensumwelt zu gliedern und dadurch erfahrbar zu machen.

2. Sie kompensiert die Bewegungsarmut der Lebensbedingungen und steigert dadurch die Lebensqualität.

3. Sie entwickelt eine Schlüsselqualifikation zur Verarbeitung von Erlebnissen und Erfahrungen. Sie schafft Zugänge zu anderen elementaren Ausdrucksformen: zur Musik, zu den bildenden und darstellenden Künsten und zur Sprache.

Zimmer2 differenziert die Funktion von Bewegung bei Kindern nach acht Kriterien, die hier z.T. etwas gekürzt, dargestellt sind:

Personale Funktion: den eigenen Körper und damit sich selber kennenlernen

Soziale Funktion: mit anderen gemeinsam etwas tun, mit- und gegeneinander spielen

Produktive Funktion: mit dem eigenen Körper etwas hervorbringen

Expressive Funktion: Gefühle und Empfindungen in Bewegung ausdrücken, körperlich ausleben und ggf. verarbeiten

Impressive Funktion: Gefühle wie Lust, Freude, Erschöpfung und Energie in Bewegung erfahren

Explorative Funktion: die räumliche Umwelt kennenlernen und sich erschließen, sich mit Objekten und Geräten auseinandersetzen

Komparative Funktion: sich mit anderen vergleichen, sich miteinander messen und wetteifern

Adaptive Funktion: die körperlichen Grenzen kennenlernen und die Leistungsfähigkeit steigern.

1)Bannmüller, E. : Elementare Bewegungserziehung in: Grundlagen und Perspektiven ästhetischer und rhythmischer Bewegungserziehung, Klett-Verlag: 1990, S.: 139-151

2) Zimmer, R.: Handbuch der Bewegungserziehung. Didaktische - methodische Grundlagen und Ideen für die Praxis, Herder : 1993

Unsere Sicht von ‘Bewegungserziehung’
Die Bedeutungen und Funktionen, die Bewegung und Bewegungserziehung hier zugeschrieben werden, sind unserer Meinung nach für jedes Alter, ob Kind, Jugendlicher oder Erwachsener, relevant und bedürfen der ständigen Kultivierung. Somit ist es auch Aufgabe der Schule, den natürlichen Bewegungsdrang altersgemäß zu fördern.
Dafür bedarf es einer Methodik, die den SchülerInnen eine Grundlage vermitteln kann, mit der sie sich in allen Altersstufen mit Bewegung auseinandersetzen können.

Durch die erlernten Techniken können die SchülerInnen eine Bewegungsbeziehung entwickeln und werden in die Lage versetzt, Bewegungsmangel flexibel und selbständig auszugleichen.
Deshalb sollte Bewegungserziehung in allen Jahrgangsstufen in der Schule ihren Platz haben, wie dies für Kunst- und Musikerziehung schon lange selbstverständlich ist.

Allgmeine erzieherische Aspekte

Unserer heutigen Gesellschaft ist daran gelegen, Menschen so in ihrer Entwicklung zu unterstützen, daß dabei nicht eine bestimmte zu fördernde Fähigkeit im Vordergrund steht. Die schulische Ausbildung muß darauf ausgerichtet sein, polyvalente Fähigkeiten zu fördern. Dadurch ist der Mensch in der Lage, sich in den ständig wandelnden Situationen unserer heutigen Welt zurechtzufinden. Dies erfordert ein kontinuierliches Lernen in verschiedenen Bereichen.
Eine moderne Bewegungserziehung muß diese überfachlichen Ansprüche einer Polyvalenz der Bildung, wie sie im Rahmenplan der Berliner Schule formuliert ist, erfüllen, die u.a. folgende Kernpunkte beinhaltet:

  • Identitätsfindung

  • Sicherung individueller Entfaltung und individueller Reifungsvorgänge
  • Förderung des Ich- und Selbstbewußtseins
  • Förderung der Kreativität
  • Förderung des Lernens als lebenslanger Prozeß
  • Entfaltung der Sozialität
  • Fähigkeit zum sozialen Handeln
  • Förderung der Kommunikationsfähigkeit und gruppendynamischer Vorgänge

Die erzieherischen Aspekte von KINEO-Bewegungserziehung

Kommunikationsfähigkeit

Im Rahmen von KINEO-Bewegungserziehung bildet Bewegung eine Basis für Kommunikation zwischen den SchülerInnen als auch den SchülerInnen und LehrerInnen.
Durch die verschiedenen Formen des Wir-Dialogs erfolgt eine Kommunikation durch Bewegung.

Das Prinzip von Führen und Folgen liegt allen Formen des Wir-Dialogs zugrunde, d.h. eine Person führt die Bewegung, die anderen folgen der Bewegung, wobei nicht von vornherein festgelegt und bestimmt wird, wer die führende Person ist. Auch der Lehrer oder die Lehrerin bleiben so Partner in diesem Dialog. Es ist wichtig, daß jeder beides, das Führen und das Folgen, entwickeln kann. Man nimmt den anderen mehr und mehr wahr, wird sensibler gegenüber der Bewegung des anderen und der Wirkung, die die eigene Bewegung auf den anderen hat. Somit entsteht durch das Zusammenbewegen eine kooperative Gruppensituation, und die Kommunikationsfähigkeit wird durch Kommunikation durch Bewegung erweitert.

Außerdem bilden die gemeinsamen Erfahrungen in der Bewegung die Grundlage für ein anschließendes Gespräch. Die am Bewegungsdialog Beteiligten tauschen sich über ihre Erfahrungen aus.

Bewegungsbewußtsein

Die Entwicklung eines Bewegungsbewußtseins für die eigene und die Bewegung anderer ist ein weiterer wichtiger erzieherischer Aspekt, da eine Förderung des Bewegungsbewußtseins eng gekoppelt ist mit der Förderung des Selbstbewußtseins.
Außer dem Wir-Dialog (s.o.) bildet auch der Ich-Dialog eine methodische Grundlage. Die physikalischen Grenzen und Möglichkeiten des Körpers können entdeckt und erweitert werden. Die Sensibilität für den eigenen Körper als drei-dimensionale Struktur wird verstärkt. Die Raumwahrnehmung wird bewußter und Bewegung kann als variierender, natürlicher Rhythmus wahrgenommen werden. Es entwickelt sich eine Raum-Zeit-Sensibilität für Bewegung.
Somit kann man die verschiedenen Aspekte (Gestalt, Raum, Zeit) von Bewegung bei sich selbst und bei anderen nicht nur bewußt wahrnehmen, sondern auch bewußt einsetzen.

Verbindung von Körper und Geist

Der Schulalltag ist häufig dadurch geprägt, daß der Geist aktiv und wach, der Körper aber weitgehend bewegungslos sein soll. Der Geist wird müde und der Körper angespannt. Die SchülerInnen sollten über Techniken verfügen, mit denen sie sich sowohl in der Gruppe als auch jeder einzelne selbständig für sich regenerieren können. Indem Körper und Geist durch Bewegung verbunden werden, sind Körper, Geist und Bewegung ganzheitlich präsent. Der Geist wird wieder wacher und frischer und die Konzentrationsfähigkeit gesteigert.

Kreativität

Die Techniken des Verfahrens bieten den SchülerInnen vielfältige Möglichkeiten, Bewegung selbständig zu erforschen, sich im Ich- und Wir-Dialog in Bewegung auszudrücken und Bewegung zu gestalten.